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Januar 2011

 

 

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Tauschringe: Geld spielt keine Rolle

Von Günter Hoffmann

aus Das Beste - Reader´s Digest 08/2001

 

Dienstleistungen kosten etwas. Normalerweise ist das auch so, aber es gibt andere Modelle …

Talente als Währung
Liesel Graf hat ein Problem, das viele kennen: "Ich bin jemand, der gut geben, aber nicht so gut nehmen kann", sagt die 64-Jährige aus Witten im Ruhrgebiet. Es fällt schwer, den Nachbarn zu fragen, ob er helfen könnte, ein Regal anzudübeln. Oder im Krankheitsfall Einkäufe zu machen. Wer versorgt im Urlaub Katze und Blumen? Wer hilft beim Umzug oder wenn der Computer nicht funktioniert?

"Früher", sagt Graf, "habe ich mit Schuldgefühlen an die Personen gedacht, die mir geholfen haben. Denn ich wusste nie, wie ich mich erkenntlich zeigen konnte." Sie überreichte dann einen selbst gebackenen Kuchen oder einen Blumenstrauß. Seit vier Jahren ist das anders. "Seit ich Mitglied im Tauschring bin, habe ich keine Scheu mehr, mir von irgendjemandem helfen zu lassen. Hier kann ich alles annehmen, weil ich weiß: Die Leistungen werden gerecht ausgeglichen."

Anfang 1997 las die allein stehende Graf einen Artikel über die Tausch- und Aktivitäten-Börse für Witten und Umgebung in der Zeitung. "Da ich kurzfristig handwerkliche Hilfe brauchte, habe ich mich an die Tauschzentrale gewandt", schildert sie den Beginn ihrer Mitgliedschaft. Es sind nicht nur Hilfen rund um Haushalt und Garten, die sie jetzt ohne Schuldgefühle annehmen kann: da ist auch der Fahrdienst, den sie beansprucht, wenn sie schwere Sachen transportieren muss; sie leiht sich ein Umweltticket oder lässt sich bei der Ausrichtung eines Festes helfen.

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Im Gegenzug hilft sie anderen Tauschring-Mitgliedern bei steuerlichen Problemen, bietet selbst gebackenes Brot oder selbst gefertigten Jogurt auf dem Flohmarkt an. Wie der Ringtausch funktioniert, zeigt sich am Samstagnachmittag bei dem 47-jährigen Ulrich Jankowski. Auch er ist Mitglied in der Tausch- und Aktivitäten-Börse in Witten. In seiner Wohnung steht die 53-jährige Sozialarbeiterin Helena Sasse am Herd. Sie bereitet für den allein stehenden Informatiker das Essen vor, denn Jankowski kocht nicht gern. Während der Woche kann er zwar in der Kantine essen, aber nicht an den Wochenenden. Kennen gelernt hat er Sasse über ihre Anzeige in Aktiv in Witten, der Zeitung des Tauschrings: "Koche nach Wunsch. Für 1-20 Personen, einmalig oder regelmäßig …"

Wenn das Essen vorbereitet ist, bekommt Sasse für ihre Hilfe allerdings kein Geld. Stattdessen erhält sie so genannte "Talente". So heißt die Einheit, mit der alle Leistungen und Waren im Tauschring verrechnet werden. Ulrich Jankowski stellt einen Verrechnungsscheck über 30 "Talente" aus, und dieser Betrag wird Sasse auf ihrem Konto bei der Zentrale gutgeschrieben. Im Gegenzug wird Jankowskis Konto mit dem gleichen Betrag belastet. "Mit den ‚Talenten' kann ich mir das ermöglichen, was ich mir für Geld sonst nicht leisten könnte", sagt Sasse. Sie ist allein erziehende Mutter, und mit ihrer Halbtagsstelle verdient sie nur das Nötigste. Mit "Talenten" beglich sie etwa die Reitbeteiligung ihrer Tochter oder deren Nachhilfeunterricht. Sie selbst hat eine PC-Schulung gemacht und die Reparatur ihrer Waschmaschine ermöglicht.

Bei Jankowski stand der Tauschgedanke ursprünglich nicht im Vordergrund: "Ich wollte etwas gegen meine Einsamkeit tun, Menschen kennen lernen." Ein nicht einfacher Schritt für den Informatiker. "Das lag sicher auch daran, dass ich aus einer anderen Welt komme. Aus der Informatiker- und Unternehmensberater-Welt mit ihren hoch bezahlten Jobs." Nach dem Ende seiner Ehe wurde auch der Freundeskreis kleiner. Er wandte sich an den Tauschring, weil der neben dem Ringtausch auch andere Aktivitäten durchführt: Wellness-Tage, Fahrten zu sportlichen oder kulturellen Veranstaltungen.

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Eine neue Erfahrung für Jankowski, auf Menschen zuzugehen und sich auf sie einzulassen. "Dass ich das kann, hätte ich nicht geglaubt." An den Tauschgedanken hat er sich herangetastet. Er musste lernen, seine Fähigkeiten als Computer-Fachmann nicht anonym gegen Geld, sondern gegen "Talente" anzubieten. Inzwischen schätzt er die Vorteile. Seine Geburtstagsfeier hat er ebenso von Tauschring-Mitgliedern organisieren lassen wie den Umzug seiner kranken Eltern - und natürlich die Kochkünste von Helena. Um seine "Talent"-Schulden zu begleichen, macht er PC-Beratung, aber auch Kurierfahrten. Die Tauschleistung von Helena Sasse umfasst rund 25 Stunden im Monat, die von Ulrich Jankowski zwischen 20 und 30 Stunden. Damit zählen sie, so Elke Conrad, die Koordinatorin des Tauschringes, zu den aktiveren Mitgliedern.

Der Wittener Tauschring hat keine Statistik über die Tauschleistungen seiner Mitglieder. Erfasst wird nur die Gesamtzahl. Die lag für das Jahr 2000 bei über 1100 Tauschaktivitäten. Bis Mai 2001 waren es immerhin schon 450.

Der Boom der Tauschringe
Der erste Tauschring in Deutschland wurde 1992 in Halle a. d. Saale gegründet. Bereits drei Jahre später fand das erste Bundestreffen der Tauschringe in Berlin statt, mit Vertretern von 50 Tauschkooperativen. Das System hat Hochkonjunktur: Mittlerweile sind über 35 000 Menschen Mitglied in einem der rund 350 Tauschringe, die es inzwischen nicht nur in Städten, sondern auch in kleinen Gemeinden gibt. In Schriesheim an der Bergstraße wird ebenso selbstverständlich gegen "Talente" getauscht wie im bayerischen Bad Aibling gegen "Wendelsteine" oder in der kleinen Gemeinde Prinzhöfte bei Bremen gegen "Prinzen".

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In Witten ist Liesel Graf für die Verbuchung der Tauschleistungen zuständig. Sie registriert alle eingehenden Tauschmitteilungen, bucht die Guthaben und Salden auf die jeweiligen Mitgliedskonten und gibt die Kontostände bekannt. Wie im normalen Bankgeschäft wird auch in den Tauschringen die Registrierung elektronisch durchgeführt. Damit Leistungen nicht nur abgerufen werden und sich einzelne Mitglieder auf Kosten anderer bereichern, haben alle Tauschringe einen Schutz gegen Missbrauch eingebaut: eine Obergrenze für Schulden und Guthaben. Die liegt in Witten bei 700 Talenten, das entspricht 35 Arbeitsstunden. Wer das Schuldenlimit erreicht hat, muss erst aktiv werden, um wieder Hilfe beanspruchen zu können. Wer am Guthabenlimit angelangt ist, muss erst einen Dienst in Anspruch nehmen, bevor er wieder einen leisten darf.

Tausch ohne Grenzen
Zeitungen sind, neben Floh- oder Tauschmärkten, das wichtigste Vermittlungsinstrument für die Tauschpartner. In Aktiv in Witten werden neben den neuesten Nachrichten aus der Tauschring-Bewegung die Angebote und Nachfragen der Mitglieder kostenlos veröffentlicht. So unterschiedlich die Mitglieder, so vielfältig die Angebote: Sie reichen von Büroarbeiten, Computer- und Sprachkursen, Renovierungs-, Umbau- und Gartenarbeiten über Transporte und Möbelverkauf bis zu Reisen und Ferienwohnungen. Die über 200 Mitglieder der Wittener Tausch- und Aktivitäten-Börse kommen aus den unterschiedlichsten Berufs- und Altersgruppen. Allerdings müssen sie volljährig sein, um Mitglied zu werden. "Hier sind Mediziner ebenso vertreten wie Lehrer, Facharbeiter, Studenten, Hausfrauen, Arbeitslose und Rentner", sagt Elke Conrad. Neben den Privatpersonen sind inzwischen auch zwei Sportvereine sowie das Mütterzentrum Mitglied. Das Mütterzentrum stellt sein ganzes Programm zur Verfügung: von der Kinderbetreuung über erste Hilfe bis zum Mittagstisch - natürlich alles gegen "Talente".

Vorbildfunktion
Am 25. August 2000 unterschrieben Vertreter der Stadt Witten die Aufnahmebedingungen für den Tauschring. Der Sprecher der Stadtverwaltung, Jochen Kompernaß: "Die neue Kooperation der Kommune mit dem Tauschring hat Vorbildfunktion für andere." Es war das erste Mal in der Geschichte der Tauschring-Bewegung, dass eine Stadt offiziell Mitglied wurde. Die Stadt stellt Räume zur Verfügung, die der Tauschring gut brauchen kann: für Flohmärkte, Nachhilfe- und Kochkurse - gegen "Talente". Auf der anderen Seite will die Kommune Reparaturarbeiten in Jugendeinrichtungen durch Tauschring-Mitglieder durchführen lassen. Dabei soll es aber nicht bleiben.

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Tauschring-Koordinatorin Conrad will den Bürgermeister und den Stadtkämmerer treffen, um weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszuloten. Über die Vergabe notwendiger Arbeiten gegen "Talente" könnte die kommunale Kasse entlastet werden. Umgekehrt könnten Leistungen wie die Gebühren für Kindergartenplätze, Eintritt für Schwimmbäder oder Konzerte gegen "Talente" angeboten werden. "Oberste Prämisse für die Zusammenarbeit mit der Stadt ist jedoch: Wir wollen keine Arbeitsplätze gefährden", stellt Elke Conrad klar.

Neues Engagement
Die Probleme des Sozialstaates, Dauerarbeitslosigkeit, die steigenden Kosten der Sozialhilfe, die Veränderungen in der Altersstruktur, um nur einige Schwierigkeiten zu nennen, lassen sich mit herkömmlichen Handlungsmustern nicht mehr bewältigen", schreibt Sabine Budtke in ihrer Diplomarbeit "Tauschringe im Kontext sozialer Sicherung". Auf diese Probleme versuchen Tauschringe zu reagieren. Auf die wachsende Diskrepanz zwischen Zeit und Geld, auf das Paradox, dass die Menge unbefriedigter Bedürfnisse ebenso wächst wie die Anzahl der Menschen mit wertvollen Fähigkeiten, für die die Gesellschaft keine Verwendung findet. Ob dies, wie in Witten, im alltäglichen Austausch von Gütern und Leistungen geschieht. Oder ob Senioren in Dietzenbach gegen "Punkte" Arbeitsplätze für jugendliche Schulabgänger akquirierten.

Das Zukunftskonto
Im März dieses Jahres wurde auf der Mitgliederversammlung des Tauschrings im Berliner Bezirk Kreuzberg die Einrichtung eines Solidaritäts- und Zukunftskontos beschlossen. Die Idee: Tauschring-Mitglieder zahlen freiwillig "Kreuzer"-Beiträge auf ein Konto ein. Die Beträge werden dazu verwandt, Mitglieder zu unterstützen, die in Not geraten sind. Auslöser für diese Entscheidung war ein Unfall: Eine allein stehende Rentnerin und aktive Tauscherin erlitt einen komplizierten Armbruch und brauchte sofort Hilfe. Klara Brendle, eine der Initiatorinnen des Tauschrings: "Der verunglückten Rentnerin wurde schnell geholfen. Von ihrer Familie, aber auch von den Freunden aus dem Tauschring. Sie halfen im Haushalt oder machten Besorgungen; andere unterstützten sie mit ‚Kreuzern'." Diese spontane Hilfe soll mit dem neuen Solidaritäts- und Zukunftskonto fester Bestandteil des Tauschrings werden. "Erstes Ziel ist es, die Betroffenen dabei zu unterstützen, selbst wieder auf die Beine zu kommen. Wenn sie aber länger krank sind, soll der Tauschring Hilfe bei der Versorgung und Pflege mitorganisieren", sagt Stefan Purwin, neben Brendle einer der Gründer des Berliner Rings.

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Eine zweite Gruppe, die in den Genuss von Zuwendungen kommen soll - allerdings in Form von Spenden -, sind Projekte und Arbeitsgemeinschaften, die sich innerhalb des Tauschrings bilden. Wie beispielsweise die Elterninitiative, die einen heruntergekommenen öffentlichen Kinderspielplatz säubern und umgestalten will. Das Solidaritäts- und Zukunftskonto signalisiert eine neue Qualität von sozialem Handeln innerhalb der Tauschringe. Purwin: "Das Zukunftskonto lebt nur, wenn Menschen sich innerhalb ihres Stadtteils engagieren. Wenn sie das Gefühl haben: Ich nehme im Stadtteil etwas in die Hand und bekomme auch Unterstützung."

Bedeutung der Tauschringe
Die nachhaltige Stärke der Tauschsysteme liegt in der Vielfalt ihrer Mitglieder. So unterschiedlich sind die Gründe, die Menschen zum Engagement bewegen: Bei den einen stehen wirtschaftliche Aspekte im Vordergrund. Andere betrachten die Tauschringe wie ein Ehrenamt oder suchen ein Forum, in das sie ihre Kreativität einbringen können. Vor rund neun Jahren sind die Tauschringe als Selbsthilfeprojekte ohne staatliche Förderung entstanden. Heute erwirtschaften ihre Mitglieder einen Umsatz von schätzungsweise 25 Millionen Mark. Volkswirtschaftlich eine vernachlässigbare Größe.

Die Bedeutung der Tauschringe liegt aber darin, dass sie als selbst verwaltete Projekte heute vielerorts zu einer festen Institution geworden sind. Dass Kirchen, Wohlfahrtsverbände und selbst Kommunen inzwischen Tauschringe gründen oder Mitglied werden, zeigt, dass deren Potenzial bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist. Für Liesel Graf ist jedenfalls das spannendste, "dass sich der Tauschring nach all den anfänglichen Schwierigkeiten wirklich toll entwickelt hat. Ich hätte nie gedacht, dass er einmal so gut funktionieren und wir jetzt über 200 Mitglieder haben würden."

Im Internet findet man weitere Adressen zu Tauschringen unter:
http://www.tauschring.de/ oder : http://www.tauschring-archiv.de/ oder : http://www.tauschringportal.de/
Für Österreich gibt es weitere Informationen unter:
http://www.tauschkreise.at/

 


© 2001 Verlag Das Beste Reader's Digest

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